Die Kanzel in der Dorfkirche von Groß Glienicke

Erklärungen zur Restaurierung anlässlich ihrer Wiederinbetriebnahme am 02.10.2011

Von Andreas Kalesse

1. Einleitung

Die hölzerne Renaissancekanzel der Dorfkirche von Groß Glienicke konnte in diesem Jahr dank einer privaten Spende und der Kofinanzierung durch den Förderverein Dorfkirche Groß Glienicke e.V. sowie des Kirchenkreises Falkensee und nicht zuletzt der Gemeinde restauriert werden. Nach den Erfahrungen mit der Restaurierung des Taufbeckens, war auch für die Kanzel, deren Entstehungsjahr vermutlich um 1640 anzusetzen ist, nach den Untersuchungen eine völlig andere Farbgebung nach dem Abschluss aller Arbeiten zu erwarten gewesen, als sie bis dahin trug. Die restauratorischen Analysen von Herrn Janko Barthold und Frau Nadja Jaeckel führten nach Diskussionen und Auswertung der Ergebnisse mit der Unteren Denkmalschutzbehörde und dem Vertreter des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege zu dem hier heute vorzustellenden Ergebnis.

Das Evangelium nach Johannes beginnt mit der Benennung des Urprinzips der Welt: „Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ (Joh 1,1).Nach seiner Auferstehung erteilte Jesus neben dem Tauf- auch den Verkündigungsbefehl: „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.“ (MK 16,15).

Die Kanzel (lat. cancelli = Schranken) war an oder vor den Chorschranken ein erhöhter Platz, von dem die Heilige Schrift verlesen und ab dem 4. Jh. auch gepredigt wurde. Seit dem 13.Jh. befand sich zwischen dem Klerus und den Laien ein Lettner (lat. lectorum = Lesepult), eine begehbare Brüstung oder Wand, welche dem Verlesen des Evangeliums diente und ebenso als Sängertribüne diente (GOECKE-SEISCHAB/OHLEMACHER 2010, S. 210 u. 216).Nach dem Mittelalter wurden die meisten Lettner abgetragen und die Kanzeln oft an die Südseite, der Epistelseite des Kirchenschiffes entweder an einem der Pfeiler bzw. an die Kirchenwand verlegt.

Eine wesentliche Grundauffassung der Reformation ist das Ermöglichen des Hörens des Wort Gottes. Dazu musste die Bibel ins Deutsche übersetzt werden, wurde der Gottesdienst so gestaltet, dass Vorlesung und Auslegung der Schriften im Zentrum stehen, wozu der Altarraum durch das Heranrücken der Kanzel und des Taufbeckens eine neue Gestalt annahm: Es entstand so mit dem  Altar gewissermaßen ein Dreieck, da das Taufbecken in der Regel der Kanzel gegenüber angeordnet wurde. Der Kirchenraum ist seit dieser Zeit zudem mit Bänken ausgestattet.

2. Der Aufbau einer Kanzel

Eine Kanzel setzt sich aus folgenden Bestandteilen zusammen, die von unten nach oben zu lesen sind (vgl. GOECKE-SEISCHAB/ OHLEMACHER 2010, S. 57 f.):

2.1 Der Kanzelfuß nimmt Bezug zum Alten Testament, zur messianischen Verheißung Jesajas (11,1), in der er prophezeit, dass aus dem Stamm Isais “eine Rute aufgehen“ wird und damit auf die Genealogie Jesu eingeht (WURZEL JESSE). Um den alten braunen Stamm windet sich die noch junge Rute (= virga) empor (vgl. WETZEL 2011, S.120). Der Aufgang zum Kanzelkorb weist zwei Schriftfelder auf: „Gehet hin in alle Welt, und prediget das Evangelii, aller Creatur.“ und „Selig sint, die daß Wort Gottes hören und bewaren. Luc 11.“
2.2 Der Kanzelkorb ist sechseckig, wobei nur vier Seiten sichtbar sind mit den halbrunden Nischen der Arkatur, in denen die Bildnisse der vier Evangelisten in der kanonisierten Reihenfolge dargestellt sind: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Die Zahl Sechs hat biblisch gesehen eine große Bedeutung, denn in sechs Tagen wurde die Welt erschaffen, der Mensch selbst am sechsten Tag. Gott hat an diesem Tag sein Schöpfungswerk vollendet und somit steht die Sechs für Vollkommenheit. Am siebenten Tag ruhte Gott und „ am siebten Tage soll ein Fest zu Ehren des Herrn, deines Gottes, stattfinden…“ (Dtn 16,8), also der Gottesdienst am Sonntag, an dem das Wort Gottes verkündet wird (WERLITZ 2000, S. 272 ff.).

Unter den Evangelistenbildern befinden sich Schriftfelder mit folgenden Zitaten:

  • “Matth. 13  Wer Ohren hat zu hören der höre“
  • “Marc.1 Thut Buße und glaubet an daß Evangelium.“
  • “Luc. 13. Ringet darnach daß ihr durch die enge Pfort eingehet.“
  • “Johan.6. Wer zu mir kompt, den werde ich nicht hinauß stoßen.“

In dem Korb steht der Prediger und verkündet das Wort Gottes, indem er es auslegt. An der Kirchenwand, in der Höhe des Predigers, befindet sich das Holztafelbild “Salvator mundi“ (=Retter der Welt) als Bindeglied zwischen dem Kanzelkorb und dem Schalldeckel.

2.3 Der Schalldeckel setzt sich aus dem eigentlichen Deckel und der Bekrönung zusammen. Die Unterseite des Deckels trägt die Beschriftung: „ Ruffe getrost, schone nicht, erhebe deine Stim, wie eine Posaune, und verkündige meinem Volck ir übertreten, und dem Hause Jacob ire Sünde. Jes. 58.“ Ein deutlicher Hinweis für den Prediger, die Gemeinde immer wieder zu ermahnen!

An der Stelle des Textes oder auch als Bekrönung befindet sich sonst häufig die Taube als Sinnbild des Heiligen Geistes. Nach wie vor bin ich davon überzeugt, dass die Taube des Taufbeckens der Erstfassung des Schalldeckels bei dem Umbau der Kanzel 1680 entnommen worden ist, um auf der Haube des Taufbeckens einen neuen Platz zu bekommen.

Die Bekrönung ist ein von sechs stark stilisierten und langgezogenen Akanthusblättern getragener wolkiger Himmel, aus dem goldene Sterne hervortreten. Über den Himmelswolken triumphiert das Trigramm, das Christusmonogramm und Name Jesu IHS= jesus hominum salvator = Christus Heiland der Menschen (BECKER 1992, S. 137), im Strahlenkranz, ein Motiv, welches sich in der Kirchenraumdecke mittig wiederfindet, hier allerdings mit dem Gottesnamen JAHWE. Die Bekrönung verweist somit auf die Erlösung, auf das ewige Leben.

3. Die Gestalt und Farbigkeit der Kanzel

Ursprünglich war die Kanzel etwas höher geplant oder auch ausgeführt worden, welches man an dem um ca. 10 cm gekürzten Kanzelfuß unschwer erkennen kann. Der Fuß, der Korb, das Tafelbild zwischen Korb und Deckel und der Deckel selbst sind die ältesten Bestandteile der Kanzel. Der Aufgang und die Bekrönung dürften erst 1680 hinzugekommen sein, als die Kanzel auch eine neue Farbgebung erhielt. Erst nach der Erhöhung der Decke 1680 war das Aufsetzen einer so hohen Bekrönung überhaupt möglich. In diesem Zusammenhang dürfte auch der Kanzelkorb etwas verdreht neu aufgestellt worden sein, um den Aufgang besser anschließen zu können.

Die jetzt wieder erlebbare Farbfassung ist jene, welche sie wie gesagt 1680 erhielt. Die zurückgewonnene Helligkeit und Strahlkraft der Kanzel verweist auf die z.B. in den Psalmen 106 (1) und 107 (1) getroffene Feststellung, dass der Herr freundlich ist.

4. Literatur

BECKER, U. 1992: Lexikon der Symbole. Köln, 352 S.

GOECKE-SEISCHAB, M. L. & J. OHLEMACHER 2010: Kirchen erkunden, Kirchen erschließen. Köln, 237 S.

WERLITZ, J. 2000: Das Geheimnis der heiligen Zahlen. Ein Schlüssel zu den Rätseln der Bibel. München, 320 S.

WETZEL, CHR: 2011: Das große Lexikon der Symbole. Darmstadt, 319 S.