Spektakulärer Fund an unserer Dorfkirche

Unter dem Putz verborgener Schachbrettstein

Freigelegter Schachbrettstein

Links neben der Brautpforte hat der Potsdamer Stadtkonservator Herr Kalesse im November des vergangenen Jahres einen zum größten Teil unter dem Putz verborgenen sogenannten Schachbrettstein entdeckt. Dieser Granitquader ist inzwischen vollständig freigelegt. Ab einer Sockelhöhe von 48 cm liegt er mit einer Höhe von ca. 44 cm und einer Breite von ca. 34 cm im Mauerwerk. Auf seiner Ober-fläche ist er vertikal in jeweils sechs hell- und dunkelbraune quadratische Felder  und horizontal in jeweils fünf hell- und dunkelbraune quadratische Felder  eingeteilt. Die rechte obere Ecke des Quaders fehlt.
Zu Schachbrettsteinen an Kirchen hat der Referatsleiter Braunkohlenarchäologie im Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege Herr Dr. Bönisch 2006 und 2010 grundlegende Aufsätze veröffentlicht. Er kommt darin zu dem Ergebnis, dass sich Schachbrettsteine ausschließlich an Granitquaderkirchen des 13. Jahrhunderts befinden und zur Bauzeit entstanden sind. Die Verbreitung dieses spätromanischen Schmuckelements erstreckt sich in einem ca. 100 km breiten Streifen westlich der Oder von der Niederlausitz bis an die Ostseeküste sowie östlich der Oder im heutigen Polen. Eine große Konzentration von Schachbrettsteinen an Kirchen existiert in Nordjütland (Dänemark). Herr Dr. Bönisch geht davon aus, dass jütländische Baumeister und Steinmetzen entlang der Oder anstelle der dort bereits vorhandenen hölzernen Kapellen die ersten sakralen Steinbauten gebaut und dabei auch das Schachbrettmuster als Schmuckelement verwendet haben. Er weist darauf hin, dass in der Verbreitung sich Paare oder kleine Gruppen benachbarter Orte von Kirchen mit Schachbrettsteinen abzeichnen, wo eine gemeinsame Bauhütte tätig gewesen sein könnte. Schachbrettsteine befinden sich in der Regel an der Hauptfassade, von woher man sich dem Gotteshaus näherte. Dort sind sie häufig an Gebäudeecken eingesetzt, aber auch an Portalen wie in Groß Glienicke oder am Turm im Westen. Aufgrund seiner Singularität an den Kirchen kann es aber als sicher gelten, dass der Schachbrettstein kein Bauschmuck ist, sondern Symbolcharakter hat. Eine Deutung des Schachbrettmusters ist die des eingemauerten Schachspiels des Teufels, einer in Dänemark bekannten Sage. Der Teufel spielte mit Gott um den Kirchenbau oder um die armen Seelen und verlor die Partie und das Brett. Zum Gedenken an den glücklichen Ausgang des Spieles hat man das Schachbrett eingemauert. Somit kann der Schachbrettstein für die Gläubigen eine Schutz- und Abwehrfunktion gehabt haben.   
Anders beschreibt der Bamberger Dichter Hugo von Trimberg (um 1230-1313) das Schachspiel: „Diese Welt gleicht einem Spielfeld, denn wie das Schach hat sie Könige, Grafen, Ritter, Richter und Bauern. Und ganz so führt Gott mit uns sein Spiel durch. Wer sündigen Gedanken nachhängt, dem bietet der Teufel stets Schach und setzt ihm die Seele matt, falls er sich nicht gut zu schützen weiß.“  
Herr Tiersch aus Jacobsdorf, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, alle Schachbrettsteine an Kirchen in Brandenburg und Polen fotografisch zu erfassen, hat mich auf einen weiteren interessanten Interpretationsansatz aufmerksam gemacht. Der Schachbrettstein kann auch auf den die Kirche umgebenden Friedhof Bezug nehmen und die Gleichheit aller Menschen vor dem Tode symbolisieren.
Das aus dem Orient und Indien stammende Schachspiel war von ca. 1250 bis 1450 eines der beliebtesten, typisch höfischen Mittel des Zeitvertreibs. Es gehörte zu den sieben ritterlichen Fertigkeiten. Johannes Gallensis, Doktor der Theologie an der Universität Paris, schreibt um 1260: „Die Welt gleicht einem Brett mit weißen und schwarzen Feldern, auf denen die Menschen als Schachpuppen verschiedene Plätze einnehmen. Früh holt man die Figuren … aus einem Sack hervor … nach vollendetem Spiel wartet aber Aller, ungeachtet ihrer verschiedenen Stellung im Leben und im Spiele, der nämliche Ort. Und wie der König dabei wohl zuunterst im Beutel zu liegen komme, so könnten auch die Großen der Erde zur Hölle, die Armen aber in den Himmel gelangen....“  Wenn die Gläubigen des Mittelalters an den Schachbrettsteinen vorbeikamen, könnte ihnen dieses Weltsystem bildlich verdeutlicht worden sein.
Diese Interpretation weist eine Nähe zum späteren Motiv des Totentanzes in der Kunst auf. Hierbei handelt es sich ursprünglich um die Darstellung einer Reihe weltlicher und geistlicher Standespersonen, die in Reigen- oder Tanzhaltung mit dem Tod (als Skelett) oder einem Toten (als verwesendem Leichnam) abwechseln. Als Voraussetzung gilt hier die volkstümliche Vorstellung vom Tanz der Toten um Mitternacht auf dem Friedhof. Der Sinn des Themas lag darin, den Lebenden ständig die mögliche Nähe des Todes und die sich daraus ergebenden Konsequenzen vor Augen zu führen.
Mittlerweile sind über 80 Schachbrettsteine an etwa 60 Kirchen bekannt. Es gilt als sicher, dass unter dem Putz von manchen brandenburgischen Dorfkirchen noch Schachbrettsteine verborgen sind. Die Entdeckung des Steins an unserer Dorfkirche ist eine kleine Sensation. Da Schachbrettsteine aus-schließlich an Granitquaderkirchen aus dem 13. Jahrhundert zu finden sind, kann die ursprünglich angenommene Entstehungszeit der Kirche nach 1333 ausgeschlossen werden.
Eva Dittmann-Hachen