„Du siehst mich“

Monatslosung April 2017


„Mama, schau aus dem Fenster! Mama, sieh, ich kann Kunst!“
So fing eines meiner liebsten Kinderbücher im Kindergartenalter an. Ich mochte dieses Buch, weil ich auch manchmal stolz auf mein Können war und gern meine neu gewonnenen  Erkenntnisse mitteilte oder auch Fragen loswerden wollte. Ich fühlte mich angenommen, wenn meine Eltern sich die Zeit nahmen, mir zuzuhören und mich als so vertrauenswürdig erachteten,  auch von sich zu erzählen. Gesehen zu werden als der / die man ist, ist offenbar wichtig für das eigene Selbstbewusstsein, nicht nur im Kindesalter, sondern ein Leben lang. Wir alle wollen gesehen werden mit dem, was wir leisten; aber auch wenn wir Probleme wälzen und Ängste uns bedrücken. Dann brauchen wir menschlichen Beistand. Beziehungswesen sind wir, von Grund auf. Manchmal sind jedoch auch unsere engsten Beziehungskreise nicht frei von Konflikten. Das kann schnell dazu führen, dass wir uns isoliert fühlen und in eine bedrohliche Lage geraten.
Von solch einer schwierigen Konfliktsituation erzählt die Geschichte Hagars  in 1Mose 16:
Abraham hatte Gottes Wort vertraut. Daraufhin war ihm eine große Nachkommenschaft verheißen worden. Seine Ehe mit Sara war jedoch kinderlos geblieben. Zwar hielt Abraham Sara für die Mutter seiner verheißenen Nachkommen, jedoch hatte sie auch nach der Verheißung bislang nicht schwanger werden können. Resigniert riet Sara ihrem Mann, Gottes Wort auf die Sprünge zu helfen. Er sollte ihre Magd Hagar zur Frau nehmen, damit sie ihm den verheißenen Nachkommen gebäre. Als dann  Hagar tatsächlich Abrahams Kind im Leib trug, erkannte sie Sara nicht mehr als ihre Herrin an, sondern fühlte sich ihr gleichgestellt. Die empörte Sara verlangte von Abraham, dass er ihr Recht als Herrin und Ehefrau wieder herstelle. Die wieder zur Sklavin herabgewürdigte Hagar floh daraufhin.


Ein kompliziertes Beziehungsdreieck wird uns hier geschildert. Ich finde auch, die Schuldfrage ist nicht einfach zu klären: Liegt sie bei Abraham, der als Mann die Entscheidung rechtlich zu vertreten hatte oder eher bei Sara, die ihren Mann schließlich dazu angestiftet hatte, Gottes Verheißung nachzuhelfen oder trifft Hagar die Schuld, weil sie sich in ihrer neuen Rolle Sara gleichgestellt hatte? Die Geschichte bleibt uns die Antwort auf diese Frage schuldig. Es wird kein Urteil gefällt. Klar ist keine der drei Personen völlig schuldfrei und uneingeschränkt sympathisch. Wenn wir klug sind, werden jedoch auch wir sie nicht verurteilen. Auch wir verhalten uns ja in Beziehungen nicht immer fehlerfrei. Wie leicht können auch wir uns verrennen und durch den Vertrauensbruch plötzlich ganz isoliert da stehen.
Hagars Geschichte kann uns in unseren zuweilen komplizierten Beziehungssituationen eine Mutmachgeschichte sein. Der schwangeren Hagar in ihrer verzweifelten Lage begegnet nämlich Gottes Bote. Er fordert sie auf, zu Sara zurückzukehren und sich ihr zu unterstellen. Er verheißt ihr aber auch eine große Nachkommenschaft durch das Kind, das sie trägt. Ismael soll es genannt werden: „Gott hat gehört“.
Hagar erfährt eine ganz neue Aufwertung, weil Gott ihr begegnet und sie zur Trägerin einer eigenen Verheißung macht. Erstaunt ruft sie ihn an mit: El Roi: „Gott, der mich sieht. Von dieser Begegnung erfährt sie neuen Lebensmut.
„Du siehst mich“, lautet in Anlehnung an die Hagargeschichte in 1Mose 16 die Losung für den Deutschen Evangelischen Kirchentag 2017, der vom 24.-28. Mai in Berlin und Wittenberg stattfinden wird. Sie soll uns einladen, für Gottes Ruf an uns offen zu sein; uns aber auch zu öffnen für die Menschen um uns herum – uns als von Gott Gesehene zu erfahren und selbst andere zu sehen.

Ich möchte Sie einladen, den Kirchentag zu besuchen:
„In Berlin werden unter anderem der Zusammenhalt in Deutschland, Flucht und Migration, interreligiöser und interkultureller Dialog sowie der Blick nach vorn auf die nächsten 500 Jahre Protestantismus wichtige Themen sein. In Podien, Vorträgen und Workshops füllen bekannte und weniger bekannte Referentinnen und Referenten mit viel Publikumsbeteiligung die Inhalte mit Leben. Konzerte, Theater und viel Kultur, weitgehend von den Teilnehmenden selbst verantwortet, machen den Kirchentag – mit mehr als 2500 Einzelveranstaltungen – zu einem Festival zum Mitgestalten.“ heißt es auf der Internetseite: www.kirchentag.de
Dort finden Sie auch nähere Informationen zum Kirchentagsprogramm.



Vielleicht haben Sie auch die Möglichkeit und Freude daran, selbst mitzuhelfen.
Wenn Sie einen Schlafplatz anzubieten haben, können Sie Gastgeber für einen von 140.000 Gästen sein, die wir erwarten. Tagsüber sind die Teilnehmer in der Stadt unterwegs und versorgen sich selbst. Ein morgendliches Frühstücksangebot im Quartier wäre jedoch willkommen.
Wer einen Gast aufnimmt, erhält als Dankeschön zwei Tageskarten für den Kirchentag.
Melden Sie Ihren Schlafplatz unter:
Kirchentag.de/privatquartier oder der Schlummernummer: 030 400 339-200.

Oder rufen Sie im Gemeindebüro an: 033201-31247!

Ihre Pfarrerin Zachow