Monatslosung: Soziale Gerechtigkeit fördert den Frieden

An manchen Häusern in Groß Glienicke sieht man noch, wo in alten DDR-Zeiten die Fahne befestigt wurde. „1. Mai – wir sind dabei!“, hieß es. Für Frieden und Sozialismus wurde der Feiertag der Werktätigen aufwendig mit großen Paraden begangen. Auch in unserem Ort, so wurde mir berichtet, fand regelmäßig ein bunter Umzug statt.
Der sozialistische Gedanke, dass der Friede angesichts sozialer Ungerechtigkeit immer brüchig ist, leuchtet mir ein. Er verträgt sich sehr gut mit Jesu Botschaft, wie sie besonders pointiert in den Seligpreisungen der Bergpredigt Ausdruck gefunden hat: „Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen. Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.“ (Matthäus 5,9-10) Gott ist denen nahe, die sich mit den Verhältnissen nicht abfinden und Solidarität üben mit allen, die in unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt werden und keine Lobby haben. Auf Gottes Hilfe können wir vertrauen, wenn wir ehrlich bitten im Namen derer, die unter sozialer Ungerechtigkeit leiden; und die gibt es zu allen Zeiten. Für mehr soziales Feingefühl und für wahren Frieden lohnt es sich darum immer, auf die Straße zu gehen und Fahnen zu schwenken.
Dennoch, so erinnere ich mich als Pfarrerstochter, standen gerade die Kirchenvertreter den Maikundgebungen kritisch gegenüber. Denn wie schon zur Zeit des Nationalsozialismus, als sich der 1. Mai als gesetzlicher Feiertag in Deutschland erstmals durchsetzen konnte, wurde dieser Tag auch in der DDR zu Propagandazwecken missbraucht. Der Staat feierte sich selbst; Missstände durften nicht angesprochen werden; Probleme der Werktätigen wie etwa Arbeitslosigkeit gab es offiziell nicht im Sozialismus. Wer wusste, dass die Realität anders war, fühlte sich belogen. So empfanden es manche als klareres politisches Statement, durch Abwesenheit auf ihre Meinung aufmerksam zu machen. Das wurde auch durchaus wahrgenommen. „1. Mai – und wir sind nicht dabei!“ Die Botschaft kam an.
Und heute? Noch immer haben wir frei am 1. Mai. Dieser Tag ist uns als gesetzlicher Feiertag geblieben. Von seiner ursprünglichen politischen Bedeutung spüren wir allerdings von Jahr zu Jahr weniger. Nur mancherorts wird noch groß demonstriert; in Berlin leider nicht immer gewaltfrei. Dabei gibt es Grund genug zu protestieren bei einem so hart umkämpften Arbeitsmarkt. Die großen gesellschaftlichen Veränderungen wie die weltweite Globalisierung, die Digitalisierung oder die Staatsverschuldungen haben ihre deutlichen Spuren auch im Bereich der Arbeit hinterlassen. Probleme wie endlos befristete Arbeitsverträge; Löhne, die dem Wert der geleisteten Arbeit nicht annähernd entsprechen und die nach wie vor schwierige Vereinbarkeit vieler Arbeitszeiten mit dem Alltag der Familien werden politisch kontrovers diskutiert, doch Lösungen kaum vorangetrieben. Unser Protest aber bleibt verhalten. Jeder scheint nur um sich selbst Sorge zu tragen. Dass wir nicht dabei sind am 1.Mai – das stört heute niemanden. Im Gegenteil, etwas mehr friedliche Empörung angesichts der immer größeren sozialen Ungleichheit und Solidarität mit denen, die es am härtesten trifft, dürfte sein. Denn Arbeit ist ein Recht für jedermann und jedefrau; aber sie darf nicht krank machen. Sie sollte einen Beitrag leisten zum Wohle unserer Gesellschaft, den wir gern leisten.
So grüße ich Sie zum Mai mit dem Tagesspruch für den Tag der Arbeit:
Der Herr, unser Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unserer Hände! (Psalm 90,17)
Ihre Gundula Zachow