Eine Tankstelle für die Seele

Beitragsseiten
Eine Tankstelle für die Seele
Interview
Alle Seiten

Eine Tankstelle für die SeeleAutobahnkirche Zeestow

Der Kirchenkreis Falkensee will das Zeestower Gotteshaus retten und zur Autobahnkirche ausbauen.

In Deutschland gibt es 32 Autobahnkirchen, doch keine am Berliner Ring. Das soll sich ändern: In Zeestow an der A 10 könnte die 33. entstehen.


Von Hiltrud Müller (MAZ)

ZEESTOW/FALKENSEE Das Konzept steht: Die Zeestower Kirche, die seit 50 Jahren verwaist ist, weil ihr die Gläubigen abhanden kamen, soll – so die Vorstellung von Pfarrer Bernhard Schmidt, Vorsitzender der Kollegialen Leitung des Kirchenkreises Falkensee – saniert und zur 33. Autobahnkirche Deutschlands ausgestaltet werden. Denn der Ende des 18. Jahrhunderts aus Ziegelmauerwerk errichtete Bau liegt nur 500 Meter Luftlinie entfernt vom Autobahnring. Damit erfüllt die Kirche eine Grundvoraussetzung, um zur Autobahnkirche ernannt zu werden: Sie muss mindestens in Ein-Kilometer-Reichweite zur Trasse liegen. Zweite Bedingung: Sie muss mindestens 80 Kilometer von der nächsten Autobahnkirche entfernt sein. Stimmt auch: Die beiden Autobahnkirche Brandenburgs liegen in Werbellin (Barnim) und Duben (Dahme-Spreewald). Dritte Bedingung: Das Gotteshaus muss völlig intakt sein. Nach einer Bestandsaufnahme durch die Potsdamer Architektin Sibylle Stich wird der Sanierungsbedarf des Zeestower Gotteshauses auf eine knappe Million Euro geschätzt. Um weiteren Schäden vorzubeugen, wurden die Dächer in diesem Jahr geschlossen. Die Kirche ist schlicht, verfügt über keinerlei kostbares Interieur und steht auch nicht unter Denkmalschutz. „So haben Architekt, Handwerker und Künstler weitgehend freie Hand“, konstatiert die promovierte Theologin Rajah Scheepers aus Berlin. Sie war vom Kirchenkreis Falkensee beauftragt worden, ein Nutzungskonzept zu entwickeln, das sie der Herbstsynode am 7.11.2009 zur Begutachtung und zum Beschluss vorlegte. Die Finanzierung soll über die Landeskirche, mit Zuschüssen vom Bund, eventuell auch mit Lottomitteln und natürlich durch die obligate Selbstbeteiligung des Kirchenkreises und der Gemeinde gesichert werden. Für die Ausgestaltung des Gotteshauses, das Reisende zur Einkehr einlädt, will man einen Künstler gewinnen. „Nicht die Hobbymalerin aus dem Nachbardorf, sondern einen wirklich bedeutsamen Gegenwartskünstler“, betont die Projektentwicklerin. So könnten auch die Kunstwerke oder besonders schön gestaltete Kirchenfenster Reisende zu einem Abstecher in die Zeestower Kirche anregen. Rajah Scheepers zeigt sich zuversichtlich, „denn es gibt doch für einen Künstler nichts Größeres als religiöse Kunst. Ihr droht kein Abriss, sie wird immer gepflegt, selbst wenn ihr Schöpfer schon hundert Jahre nicht mehr ist. Religiöse Kunst bleibt bis zum Jüngsten Tag bewahrt.“
Da die Synode den Grundsatzbeschluss gefasst hat, kann eigentlich der Bauantrag gestellt und – so die Hoffnung von Rajah Scheepers – im Jahr 2010 mit der Sanierung begonnen werden.  


 

INTERVIEWDr. Rajah Scheepers
Im Süden stark frequentiert

Fünf Fragen an Dr. Rajah Scheepers (Foto: privat), Konzeptentwicklerin für die Autobahnkirche Zeestow, gestellt von Hiltrud Müller.

H. M.: Was weiß man eigentlich über die Resonanz, die Autobahnkirchen erfahren?
Rajah Scheepers: Im katholischen Süden werden sie stark frequentiert. Einige Autobahnkirchen registrieren bis zu einer Million Besucher im Jahr.

H. M. Wie ermittelt man das?
Rajah Scheepers: Manche zählen sie mittels Lichtschranken, die in den Kirchen installiert sind. Andere schätzen anhand der Einträge im Anliegenbuch . . .

H. M. Gästebuch des lieben Gottes?
Rajah Scheepers: Ja, könnte man so sagen. Die Menschen tragen persönliche Fürbitten ein oder ihren Dank für das, was sie als Geschenk empfinden. Wer sich auf Reisen begibt und seine gewohnte Umgebung verlässt, öffnet sich leichter neuen Eindrücken. Diesen Impuls nehmen die Autobahnkirchen auf, in der auch viele Nichtgläubige das Angebot zur inneren Einkehr nutzen. Autobahnkirchen sind Tankstellen für die Seele.

H. M. Wird die Zeestower eine evangelische Kirche bleiben?
Rajah Scheepers: Ja, aber wir schlagen eine ökumenische Nutzung vor. So könnten etwa Gläubige aller Konfessionen dort vielleicht einmal im Jahr einen gemeinsamen Autobahnsonntag feiern.

H. M. Wer wird Autobahnkirchenpfarrer?
Rajah Scheepers: Das entscheidet der Kirchenkreis Falkensee.